Kirschbaumblüten
Stille.

[.:Stille:.]

Sie stieg aus dem Auto und atmete wohl das erste Mal seit vielen Jahren frische Luft ein. Sie war sauber und ganz und gar nicht wie die Stadtluft. Der warme Wind umspielte sanft ihr Gesicht und ließ ihre braunen Locken hin und her tanzen. Es fühlte sich gut an. Und seit Monaten war das das einzige, was sich richtig anfühlte. Sie schloss die Augen.

Stille.

Ein Gedanke jagte den anderen. Ein Gesicht nach dem anderen tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Sie beschloss es auszublenden und sich fallen zu lassen.

Blauer Himmel. Rosa Wolken. Watte in den Ohren. Zuckerwatte um den Verstand. Klebrig und süß. Vernebelte Gedanken. Man fliegt. Man fliegt solange bis man hart landet. Sie aber landete weich. Auf Wasser. Weiches Wasser. Es umspülte ihre Haare und lies jene wunderschöne Formen im Wasser tanzen. Sie spürte ihr Gewicht nicht mehr. Alles um sie war nur eins. Ein weiches Blau. Wie blaue Aquarellfarbe, über die man Deckweiß gekippt hat. Wie eine fliegende Melodie, sanft und fordernd.Ihr wuchsen Flügel und sie flog dahin. Es umschloss sie und füllte sie aus. Sie war von innen heraus ausgefüllt mit einem weichen Blau.

Wieder Stille.

Langsam öffnete sie die Augen. Es hatte sich nichts verändert, dennoch schien ihr in diesem Augenblick alles perfekt. Der Himmel sendete ihr ein warmes Blau entgegen, der See, der sich vor ihrem gemieteten Holzhäuschen erstreckte war ruhig. Nichts bewegte sich, außer der Trauerweide. Nichts weiter, als ein leises Rauschen. Es war spät, die Sonne würde bald anfangen ihren gewohnten Lauf zu nehmen und sich zu senken. Schon bald würde sie all das in ein ganz anderes Licht tauchen.

Sie schloss die Autotür und ging auf das Häuschen zu. Der warme Sand unter ihren Füßen knirschte. Sie kam langsam auf den engen gepflasterten Weg zu. Die harte Sohle ihrer Schuhe machten Geräusche.

klack. klack. klack.

Sie ging die kleinen schmalen Treppen, die zu der Veranda führten, hoch. Ein einsamer Schaukelstuhl stand da. Vom Wind bewegt schaukelte er seine traurige Melodie. Sie zog den Schlüssel heraus und schloss die Tür auf. Der süße Geruch vom frisch verarbeiteten Holz schlug ihr entgegen. Ein Gefühl der Ausgelassenheit überkam sie. Sie trat leise ein und schaute sich um. Ihre Finger glitten über das mit Liebe verarbeitete Holz, es fühlte sich angenehm kühl an. Sie nahm die Finger vom Tisch und presste sie gegen ihre Lippen. Kälte. Es war nicht so wie seine Hand. Doch dennoch, war es richtig gewesen es zu tun.

Sie nahm die Tischdecke vom Tisch und wickelte sie sich um die Schultern, in der Hoffnung Geborgenheit darin zu finden. Die Decke hatte kleine Staubkörnchen aufgewirbelt, man sah sie in der Luft tanzen, also ging sie auf ein Fenster zu und öffnete es. Der Wind blies hinein und ließ die zart violett gefärbten Gardinen fliegen. Sie streiften ihr Gesicht und zauberten ihr ein Lächeln drauf. Sie schritt, so leise wie möglich, durch all die anderen Zimmer und schaute sich um. Die Holzdielen knarrten leise unter ihren Füßen. Sie erblickte einen Kamin und stellte sich vor, wie das Holz darin langsam knackt und das Haus anfängt nach Wärme zu riechen. Stille würde sich ausbreiten. Eine Katze, leise schnurrend, auf der Schulter. sie musste zwangsläufig lächeln. Sie ging wieder raus auf die Veranda und setzte sich in den Schaukelstuhl. Die Sonne ging mittlerweile unter. Die Trauerweide wurde rhythmisch vom Wind hin und her bewegt und erzeugte sanfte Ringe auf dem Wasser.

Die letzen Strahlen des Lichts schienen durch die Lücken der Äste des Baumes und warfen kleine, tanzende Lichtpunkte auf ihre Haut. Sie zog ihre Zigaretten raus und zündete sich eine an. Die Flamme zischte mit einem kleinen Geräusch auf und brachte die Zigarette zum glühen. Genüsslich hörte sie dem leisen Knsitern zu, das das brennende Papier beim ersten Zug verursachte. Das war ihr Kaminfeuer. Nur in kleiner. Und leiser. Sie schloss die Augen und ließ sich das Lichtspiel auf ihrem Gesicht noch eine Weile gefallen. Sie gab sich ihren Tagräumen hin.

Weißer Tüll. Sie darin eingewickelt. Es schmeichelte ihrem Körper. Sanft und geräuschlos glitt es an ihr vorbei. Sie stand nackt da. Ohne Zwänge, ohne Aufgaben, ohne Stress. Sie stand einfach nur da und wartete darauf, dass etwas passierte. Lange, grüne Stoffbahnen kamen von oben herunter. Sie waren so hauchzart, dass man durchgucken konnte. Sie fielen an ihren Schultern herab, wie Wasser, nur geschmeidiger, weicher. Vorsichtig, als könnten sie kaputtgehen, ließ sie ihre Hände durchgleiten. Nichts, außer Stoffbahnen. Sie ertastet eine Tür und macht sie auf. Ein Spiegelkabinett, immer noch voller Stoffbahnen. Glassklirren. Die Spiegel zerbrechen, wie in Zeitlupe fliegen die messerscharfen Splitter an ihr vorbei. Die Stoffbahnen werden auseinander geschnitten, sie fallen herab. Sie bedecken sie komplett und scheinen ihr die Luft zu rauben.

Ein Räuspern.

Sie schlägt die Augen auf.

Die Zigarette ist fast am Ende. Zwei andere Augen schauen in ihre. Die einst so vertrauten Augen, die ihr nun so fremd geworden sind. Sie ist eines Morgens aufgewacht und wusste es einfach. Es war vorbei. Das, was sie mal verbunden hat, die sanften roséfarbenen Stoffbahnen, die unsichtbaren Kräfte, die alles wunderbar erschinenen ließen lassen und sie an einander banden. Sie waren gerissen. Eisige Kälte hatte sie nun umklammert. Der Bezug war nicht mehr da. Es war einfach weg.

"Lass es mich erklären."

Das einzige, was es ihr entlocken konnte war ein Lächeln. Sie stand auf und ging ins Häuschen rein. Sie schloss die Tür hinter sich zu und lachte. Denn sie wusste, dass es die richtige Entscheidung war.

Und dann nicht als Stille.

23.11.07 18:36
 


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