Kirschbaumblüten
Ich will nicht mehr.

Plötzlich war er wach. Der Regen, der unablässig gegen das Fenster in der Schräge trommelte, hatte ihn geweckt. Er drehte sich zur Seite und schaute auf den Wecker.

02:36 stand da in roten Zahlen. Er schloss die Augen und seufzte. Dass er wieder einschlafen würde, war mehr als unwahrscheinlich, also richtete er die Augen auf das Fenster und begann die Tropfen zu beobachten. Wie kleine leise Fingerchen schlugen sie auf das Fenster, der Regen schien zu wispern, ihm etwas zuzuflüstern. Er konnte es nicht verstehen. Vielleicht wollte er es auch nicht. Hatte er in den letzten Jahren etwa verlernt zuzuhören? Konnte man das so einfach? Oder wollte er die Augen bloß vor der Wahrheit verschließen? Sich verstecken, sich vergraben auf der Flucht vor den Problemen und sich selbst.

Er wusste, dass er den Kampf verloren hatte. Die Flucht endete nicht so, wie er es erwartet hätte.

Er hasste es.

Die Regentropfen kullerten an der Fensterscheibe herunter. Leise. Geschmeidig. Wortlos. Zwei Tropfen trafen aufeinander und verschmolzen einfach so zu einem kleinen Fluss, der sich seinen Weg auf der Fensterscheibe bahnte. Ganz einfach, als wäre es selbstverständlich. Sie wurden zu einem einzigen, unzertrennlich. Unzertrennlich. Dafür hat er sie immer gehalten. Man lehrte ihn eines Besseren. Sie war einfach weg. Vermutlich war sie das schon vorher. Sie waren schon lange Zeit vorher allein. Wie konnte er das nicht bemerken?

Langsam rollte es seine Wange runter. Er wischte es ärgerlich weg und beschloss aufzustehen. Sein Körper fühlte sich wie ein nasser Sandsack an. Jede der Bewegungen erschien ihm seit dem Tag so viel schwerer. Nie hatte er mehr Willenskraft als in den letzen Wochen benötigt. Nie hat er sie für so alltägliche Dinge benötigt.

Sie hatte ihn stets angetrieben und ihm den Mut gemacht, sie war seine Willenskraft. Nun war er auf sich gestellt.

Die Fliesen auf dem Boden waren kalt und auch der Rest seiner Wohnung sah nicht mehr einladend, sondern einfach nur heruntergekommen aus. Er sah keinen Sinn mehr darin sie zu pflegen, oder eine schöne Atmosphäre zu schaffen. Wozu auch? Ihm hatte all das nichts genützt. Sie lag irgendwann einfach nicht mehr neben ihm. Nichts als ein Brief und die Erinnerungen sind ihm geblieben. Ein einfacher Brief. Mit 4 Worten, in schneller, krakliger Schrift. Sie muss sich sehr beeilt haben, ihre Schrift war stets ordentlich, wie sie selbst auch. „ Ich will nicht mehr.“ Das war das einzige, was sie ihm zu sagen hatte. Die 4 Worte. Nach 4 Jahren.

Seine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit und er konnte nach und nach die Umrisse seines Arbeitstisches erkennen. Fotos aus ihrer gemeinsamen Zeit standen drauf. Auf der Wiese, im Urlaub, Weihnachten. Zärtlich und vorsichtig, als könnte es zu Bruch gehen, strich er über die Verglasung des Bilderrahmens. Er nahm es in die Hand und lächelte es an. Im stieg der Duft ihrer Haut in die Nase, die Erinnerungen an ihre langes, blondes Haar kam ihm in den Sinn. Wie schön es an ihrer nackten Schulter herunterfiel, als sie sich damals das erste mal gesehen hatten. Er hat vom ersten Augenblick gewusst, dass es ein Leben lang halten würde. Wie sehr man sich doch täuschen konnte. Er stellte das Foto wieder zurück und zog sich an.

Mit einem sanften Geräusch viel die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss. Nun war er draußen. Mitten in der Nacht. Alleine. Und im Regen. Er zog seine Schuhe aus. Die Nacht war trotz des Regens warm. Die Luft schwer und schwül. Er warf seine Schuhe auf die Erde. Diese antwortete mit einem dumpfen Schlag. Trocken und kurz. Er wollte die Erde an seinen Füßen spüren, spüren, dass er wirklich da war, dass er sich nicht verlor, dass er existierte. Der Regen tropfte gnadenlos an ihm herunter, seine Haare klebten ihm bereits an der Stirn und die Tropfen fielen von seiner Nase. Er war umgeben von einem sanften Mantel des Rauschens, das durch den Regen verursacht wurde. Wo sollte er hin? Was wollte er hier draußen, mutterseelenallein? Er beschloss zum Strand herunterzugehen, es war nicht weit. Er ging, ohne wirklich zu wissen, wie er es tat. Er setze einen Fuß vor den anderen und bewegte sich fort. Ganz selbstverständlich, mechanisch. Er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht. Wir nehmen zu vieles selbstverständlich hin und erkennen erst den Wert, wenn es weg ist. Das hätte er schon viel früher bemerken müssen.

Der nasse Sand quoll bei jedem Schritt zwischen seinen Zehen hervor. Es war schön und kühl. Das Meer war trotz des Regens erstaunlich ruhig. Die Wellen kamen näher und gingen wieder, stießen an der einen oder anderen Stelle gegen einen Stein oder Fels und schäumten auf, doch sie kamen immer wieder zurück. Mit ihr ging es auch immer auf und ab, es wurde nie langweilig. Klar, sie hatten ihre Probleme gehabt, doch war es Grund genug, einfach zu gehen? Ihn einfach alleine zu lassen? Er hielt die Füße ins Wasser. Seine Fußspuren wurden mit jeder herankommenden Welle mehr und mehr ausgespült und verwischt. Als hätte es ihn nie gegeben. Das Wasser kitzelte ihn.

Es war kalt und er war ohnehin schon nass, trotzdem ging er weiter hinein. Er mochte es, die Kälte an seinem Körper zu spüren. Es gab ihm das Gefühl, noch da zu sein und nicht zu verschwinden, wie seine Fußabdrücke. Nun war er schon bis zum Nabel im Wasser und ging immer weiter.

Er tauchte komplett ein.

Das Wasser war kälter als er dachte, doch es machte ihm nichts aus, er liebte die Schwerelosigkeit des Körpers im Wasser. Seine Gedanken waren für einen Moment wie ausgelöscht und er spürte nur die weiche, sanfte Feuchtigkeit und den Druck des Wassers, während er immer weiter auf den Grund sank. Die Luft wurde langsam knapp, aber er unternahm nichts, um sich nach oben zu bringen. Die Lungen brannten, schmerzten und schrien förmlich nach Luft, doch er blieb ruhig und wollte einfach nichts mehr tun. Konnte er das einfach so entscheiden? Hatte er das Recht? Um ihn herum wurde es immer dunkler und er sank immer weiter herab, je mehr Luft er aus seinen Lungen ließ.

Und auf einmal war er da. Der Wille. Seine Kraft. Sie war zurück, das wusste er. Mit schnellen Zügen schwamm er Richtung Oberfläche und die Sekunden erschienen ihm wie Stunden, während seine Lunge aus Hunger nach Luft wie Feuer brannte. War es nicht Ironie, Feuer unter Wasser zu spüren? Die Oberfläche kam und kam nicht, dann plötzlich war sie da. Er schnappte nach Luft und war noch nie in seinem Leben so froh, da sein zu dürfen. Er schwamm zum Ufer und schleppte sich mit letzer Kraft an den Strand. Nass, frierend und wie gelähmt lag er nun da und hustete vor sich hin. Er hatte begriffen, er brauchte sie nicht, um zu leben. Er konnte es alleine.

In diesem Moment wusste er, dass er loslassen konnte. Er wollte sich nicht mehr an sie heften.

Er wusste: Er will nicht mehr.

25.1.08 20:30
 


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